Master User Experience Design, SoSe 2017

Ein "erlebnisorientierter" Ansatz in der Gestaltung von Technik – das "(User) Experience Design" - hat zum Ziel, Technik so zu gestalten, dass sie im Alltag positive Momente erzeugt und formt. Dadurch ist es auch ein wohlbefindensorientiertes Design, denn Wohlbefinden entsteht eben auch durch das alltägliche Erleben von Bedeutung und Freude.

Technik wohlbefindensorientiert zu gestalten, ist aber nicht nur eine Frage des reibungslosen Funktionierens. Es benötigt auch ein Auseinandersetzung damit, was Menschen erleben wollen (beschreibend) und ob all diese Erlebnisse auch langfristig gut tun (normativ). Das wollen wir in der Veranstaltung "User Experience Design" tun. Sie ist keine Vorlesung im klassischen Sinne, sondern gemeinsam mit der Übung, eine projektorientierte Veranstaltung, bei der theoretische Konzept gestalterisch angewendet und so erarbeitet und reflektiert werden.

Das Thema in diesem Semester ist: Wohlmeinende Kalender und Uhren. Kalender und Uhren wirken auf den ersten Blick harmlos. Sie sind doch nichts anderes als ausgeklügelte Messgeräte, die es möglich machen, in jedem Moment zu sagen, welchen Tag, welche Stunde, Minute und Millisekunde wir haben.

Technisch gesehen mag das so sein. Psychologisch und soziologisch gesehen, haben Kalender Nebenwirkungen, die so sehr zu einem Teil unserer Kultur geworden sind, dass wir sie oft gar nicht mehr bemerken. Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Zukunftsorientierung sind "Tugenden" protestantischer Arbeitsmoral, die sich in Kalender und Uhr widerspiegeln; Zeitdruck, -not, Prokrastination (das Aufschieben wichtiger Dinge) und die Kommodifizierung (zur Ware werden) von Zeit sind psychologischen Kosten der "Mechanisierung" von Zeit.

Der Umgang mit Zeit ist kein physikalisches Phänomen, sondern ein kulturelles. Während man in Brasilien einen lockeren Umgang mit der Pünktlichkeit pflegt, ist selbiger in einem Projektkurs an der Universität Siegen unangemessen.

Allerdings werden diese Phänomene durch Uhren und Kalender erst möglich gemacht. Nur die exakte Zeitmessung erlaubt hohe Anforderungen an die Pünktlichkeit. Ohne Uhr würden wir uns für den Kurs treffen, wenn "die Kühe auf die Weide gehen". Mit Uhren, die die Zeit lediglich in 15 Minuten-Sprüngen misst, würden wir in der Zeit von 8:45 bis 9:00 eintrudeln.

Der Kalender ist ähnlich subtil. Er wird oft für wichtige Dinge mit festem Zeitpunkt verwendet. Wichtig Dinge, die zwar Zeit brauchen, bei denen es aber nicht so klar ist, wann sie getan werden, solange sie getan werden, werden eher nicht eingetragen. Dafür gibt es ja auch keinen "Eintragstyp" – ein normaler elektronischer Kalender sieht das nicht vor. Natürlich werden genau diese Dinge dann nicht getan. Dies ist zumindest indirekt eine Konsequenz der Gestaltung von Kalendern.

Unser Umgang mit der Zeit ist stark mit unserem Wohlbefinden verbunden. Das Vergeuden von Zeit erscheint als der neue Luxus in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft, Zeitreichtum löst materiellen Reichtum ab. Dies nehmen wir fast stoisch hin – im Arbeitsleben wird ganz selbstverständlich Lebenszeit gegen Geld getauscht. Und die fehlende Zeit für die Familie wird durch den Begriff der "Qualitätszeit" relativiert.

Wir haben das Gefühl zur Verfügung stehen zu müssen, und tun dies auch. Dabei sind Uhren und Kalender willfährige Partner. Ist der Kalender leer, erscheint uns auch unser Leben leer.

Könnten Uhren und Kalender nicht anders sein? Könnten Sie nicht zu Komplizen werden im Kampf gegen unsere eigenen, meist schlechten, zeithygienischen Gewohnheiten? Können wir Uhren und Kalender gestalten, die uns mit einem Augenzwinkern darauf hinweisen, dass das Leben auch anders sein könnte? Und wenn, wie? Ein erstes Beispiel, dass dies möglich ist, ist ReMind, eine Kalender-ToDoListen-Kreuzung, die das Prokrastinieren weniger wahrscheinlich machen soll.

Eine Idee, die funktioniert. In diesem Kurs werden wir versuchen, Kalender und Uhren so zu gestalten, dass sie Wohlbefinden fördern. Dazu beschäftigen wir uns mit den Zusammenhängen zwischen Zeit, Zeitempfinden und Wohlbefinden und explorieren konkrete Möglichkeiten und Grenzen, Zeitempfinden und Zeitkulturen durch Gestaltung zu verändern.

Materialien zum Seminar

Hier finden Sie alle notwendigen Materialien, die im Laufe des Semesters zur Verfügung gestellt werden als Download.


26.04.2017

Foliensatz aus der Vorlesung

Download PDF


03.05.2017

Material folgt ggf. in Kürze