294 Konzepte und Prototypen für Nähe über Distanz
Wie lässt sich Nähe gestalten, wenn Menschen nicht am selben Ort sind? Diese Frage begleitet uns seit vielen Jahren – und sie bleibt relevant. Mit dem aktuellen Update umfasst die CORE-Datenbank mittlerweile 294 Konzepte und Prototypen zur technologievermittelten Nähe. Allein in den letzten zwei Jahren sind 53 neue Arbeiten hinzugekommen.
Das Feld wächst weiter – und es wird vielfältiger. Menschen leben, arbeiten, lieben, sorgen füreinander über Distanz hinweg. Entsprechend entwickeln Forschende und Designer*innen immer neue Möglichkeiten, emotionale Nähe und Verbundenheit erlebbar zu machen.
Auffällig ist, dass Technologien zunehmend auch eine aktivere Rolle einnehmen. Sie sind nicht mehr nur mediierend, sondern greifen stärker vermittelnd, interpretierend oder intervenierend in Beziehungsinterakation ein. Besonders deutlich wird das in KI-basierten Arbeiten. Remini etwa unterstützt nahestehende Menschen dabei, gemeinsam positive Erinnerungen zu rekonstruieren. Der Chatbot stellt Fragen, regt zum Erzählen an und strukturiert das gemeinsame Erinnern. FamilyDittos geht noch weiter: Hier treten mimetische, verkörperte KI-Agenten als Stellvertreter für Familienmitglieder auf, um intergenerationelle Kommunikation zu unterstützen, wenn direkte Gespräche schwierig oder selten sind.
Solche Konzepte sind spannend, aber auch ambivalent. Sie werfen Fragen danach auf, wann Technologie Nähe unterstützt – und wann sie beginnt, Beziehung zu moderieren, zu interpretieren oder sogar zu ersetzen. Hier sind Forschende und Designer*innen besonders gefragt, klar zu definieren, welche Form von Beziehung im Fokus steht und welche Rolle die Technologie in der Beziehung zwischen Menschen tatsächlich einnehmen soll, kann und darf.
Gleichzeitig bleiben klassische Ansätze der technologievermittelten Nähe sehr präsent. Viele Arbeiten versuchen weiterhin, Berührung über Distanz erfahrbar zu machen. HapEmoji etwa nutzt haptische Muster im Kontext von virtueller Zusammenarbeit: Teammitglieder können während Online-Meetings haptische „Emojis“ senden, etwa um Zustimmung, Aufmerksamkeit, Dringlichkeit oder Nachdenklichkeit auszudrücken.
Ein weiteres immer wiederkehrendes Thema ist das gemeinsame Essen. PlateMate unterstützt Paare bzw. enge Freund*innen dabei, gemeinsames Kochen als wiederkehrendes Ritual zu gestalten.
Neben KI, VR und Haptik finden sich in der CORE-Datenbank aber auch leichtgewichtige und alltagsnahe Ideen. FamilyCanvas, ein digitaler Kalender zeigt beispielsweise, dass Nähe auch durch Sichtbarkeit, Teilhabe und geteilte Alltagsorganisation entsteht: Wer ist wann da? Was passiert im Haushalt? Wer kann mitplanen oder sich einbezogen fühlen?
Erfreulich ist auch: Im aktuellen Update befinden sich nur drei Konzepte ohne Evaluation. Das ist bemerkenswert, weil wir in der CORE-Datenbank bewusst kritisch erfassen, ob Konzepte tatsächlich mit Menschen erprobt und getestet wurden. Natürlich unterscheiden sich die Evaluationen, wie im Design üblich, stark – von Interviews und Co-Design-Workshops über Laborstudien bis hin zu umfangreichen Feldstudien. Dennoch zeigt sich, dass die meisten neuen Arbeiten nicht nur technische Möglichkeiten demonstrieren, sondern auch fragen, wie Menschen diese Technologien erleben, aneignen oder ablehnen.
Die mittlerweile 294 Konzepte und Prototypen sind nicht nur als technische Innovationen zu betrachten, sondern auch als Vorschläge dafür, wie Beziehungen im Alltag gestaltet werden können. Das aktuelle Update der CORE-Datenbank zeigt damit nicht nur ein wachsendes Forschungsfeld. Es zeigt auch, wie sich das Feld bewegt: hin zu intelligenteren, körperlicheren, alltäglicheren – und zugleich kritischeren – Formen technologievermittelter Nähe.